Damals im Wedding

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Beim letzten Vereinssubotnik fand sich auf dem Dachboden doch tatsächlich noch ein Band mit Pionieraufsätzen aus einer Zeit als Karl May noch literarische Avantgarde war. Doch da einer dieser Aufsätze eine gewisse Ähnlichkeit zu aktuellen Ereignissen hat werden hier Auszüge veröffentlicht.

Wild West Wedding Damals

Wild West Wedding Damals


Shotgun Wedding
Die Luft stand. Rinnsale aus Schweiß gruben sich durch die Staubschichten auf der Haut des Barkeepers. Mit fiebrigem Blick fixierte er die Schwingtür von Urbschat’s Saloon, durch die jeden Moment die Fremden kommen mussten, die neu in der Stadt waren. Sie waren durch die endlose, lebensfeindliche Wüste der Brandenburg Plains geritten und hatten nun den letzten Außenposten der Zivilisation auf dem sagenumwobenen Pranslaw Hill erreicht. Ihre Mission: Mit ihren Colts ein Wörtchen mitreden bei der Verteilung der Schürfrechte in den Roebuck Mountains, wo erhebliche Vorkommen an kettenförmigem Katzengold entdeckt worden waren.
Im Morgengrauen zogen sie los, um die Einöde in Angst und Schrecken zu versetzen – allen voran Doc ‚No Eyes‘ Rivers, dessen breit gestreute Salven noch den letzten Strauch diesseits von Sacramento seine Blätter verlieren ließen. Dann der junge Kerl aus den Südstaaten, den alle nur ‚Justice‘ nannten und der seine Gegner mit lässigen Schüssen aus der Hüfte zur Verzweiflung brachte. Außerdem Halfarm Johnny – gehandicapt durch eine Wunde, die ihm ein Shootout beim Kampf mit Eingeborenen in den nördlichen Wäldern eingebracht hatte. Sie alle mühten sich, ihren Anführern den Weg zu bereiten: ‚Big Daddy‘ Armstrong und seine ihm ergebene Gemahlin, ‚Lady Luck‘ Armstrong. Auf die Kaltblütigkeit und Entschlossenheit dieser Beiden, die weder Gesetz noch Gnade kannten, würde es in den Roebuck Mountains ankommen…
Nach etlichen Schusswechseln gab der sich verziehende Pulverdampf den Blick auf ein Bild des Jammers frei: Doc Rivers am Ende seiner nervlichen Kapazitäten, der Südstaatler in Gedanken schon beim abendlichen Pokerspiel, Halfarm inzwischen fast ein Noarm. Auch Lady Luck fiel es im Laufe des Gefechts schwerer, ihre Position zu behaupten – bis sie schließlich von einem Trupp weiblicher Prospektoren umringt und zur Aufgabe ihrer Waffen gezwungen wurde. Seiner besseren Hälfte beraubt, konnte nur noch Big Daddy höchstselbst die konkurrierenden Rednecks in die Schranken weisen. Der Showdown unter sengender Sonne brachte ihm immerhin einen Platz unter den Top Twenty der anwesenden Gunslingers ein – aber die eigentlichen Reichtümer der Roebuck Mountains verteilten andere unter sich. Die Gang mit dem rätselhaften Symbol eines schwebenden Vogels auf dem Revers verließ diesen trostlosen Ort, um ein anderes Mal mit größeren Kalibern und mehr Grausamkeit im Herzen zurück zu kehren.

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